Vom Independence Day


Tanzeinlage einer Schulklasse
Polizeimarsch

Der 15. August ist in ganz Indien ein wichtiger Feiertag. Vor 69 Jahren wurde Indien von der britischen Kolonialmacht unabhängig. Dieses historische Ereignis ist besonders wichtig für die indische Nation, weil die Unabhängigkeitsbewegung von der Bevölkerung ausging und schließlich in der Unabhängigkeit und Teilung in Indien und Pakistan endete. Wenn ihr mehr über den geschichtlichen und politischen Hintergrund des Independence Day erfahren möchtet, könnt ihr gerne unseren Blogartikel dazu lesen.
Wir haben dieses Datum besonders eindrucksvoll erleben dürfen. Unsere Mentorin Satyavati hat uns zu einer der größten Polizeistationen in Telangana mitgenommen, wo an dem Tag eine große Parade stattfand, um den Independence Day zu feiern. Ihr wurde in diesem Rahmen außerdem ein Preis verliehen – ein Grund mehr, an der Festlichkeit teilzunehmen. Ohne große Erwartungen sind wir zu der großen Polizeistation gefahren mit den Informationen, es werde die Nationalfahne und Preise für besondere Leistungen für die BürgerInnen der Stadt verliehen werden. Was wir tatsächlich an diesem Tag sehen konnten, übertraf alles, was uns von dem Feiern der Unabhängigkeit im Vorfeld von den Rückkehrern berichtet wurde.

Es begann damit, dass wir auf einem enormen Trainingsplatz der Polizei mit Tribüne in der zweiten Reihe Platz fanden und von dort einen Blick über das ganze Geschehen hatten: Vor uns befanden sich in 50 Metern Entfernung Kinder, die besonders feierlich angezogen waren und in Reih und Glied auf ihren Auftritt warteten. Außerdem wurde ein roter Teppich immer wieder neu drapiert, der entlang der Tribüne führte und diverse Fotografen und Fernsehteams hielten Ausschau nach den wohl besten Plätzen für das beste Foto des Tages. Spätestens als die vielen Offiziere und Militärs um uns herum auf den mit weißen Hussen  bespannten Stühlen Platz nahmen, wurde uns der Wichtigkeit und Außergewöhnlichkeit des Events bewusst. Auch die sich auf den umliegenden Häuserdächern befindlichen bewaffneten Soldaten verstärkten das Gefühl.
Der Minister von Telangana im geschmückten Jeep
Die Veranstaltung begann damit, dass der Minister von Telangana nicht weit von uns auf der Tribüne platznahm und er mit lautem Klatschen und durch ein Mikrofon angekündigt wurde. Er bestieg einen blumengeschmückten Jeep und auf dem roten Teppich wurde er zuerst an den Gästen im Schritttempo vorbeigefahren und schließlich in einem großen Zirkel um den ganzen Festplatz gefahren. Wieder angekommen an der Tribüne hielt er eine Rede auf Telugu, die in Papierform an alle Zuhörer und Zuhörerinnen verteilt wurde. Nach seiner Ansprache sind unterschiedliche Festwägen an der Tribüne entlanggefahren, auf denen Menschen in verschiedenen Positionen verharrt sind, um ein Standbild ihrer Arbeit oder Tätigkeiten darzustellen. Es wurden Institutionen und Arbeitsstellen gezeigt, die der Minister in Telangana und Hyderabad für das Allgemeinwohl der Gesellschaft und die Förderung der indischen Kultur geschaffen hat, beispielweise spezielle Krankenhäuser oder Organisationen für traditionelle Tänze. Dass auf diesen Wagen Menschen in der Frozen-Position verharrten für einen sehr langen Zeitraum hat mich und Gina verwundert und es war ein befremdliches Gefühl, die Frauen, Männer und Kinder aus der Nähe zu betrachten.
Eine von vielen Tanzaufführungen von Schülern verschiedener Schulen
Nach einigen musikalischen Einlagen der Polizeikapelle und unterschiedlichen Märschen vor dem Minister hisste er schließlich die Fahne während wir alle aufstanden und die indische Nationalhymne gesungen wurde. Dass es für viele ein sehr emotionaler Moment war, wurde in den Blicken und der allgemeinen Stimmung deutlich. Diese Nationalnähe und Identifikation mit einem Land war mir zunächst sehr suspekt aufgrund des in dieser Form nicht vorhandenen Patritismus in der deutschen Gesellschaft. Nach verschiedenen Gesprächen mit den Mentoren der anderen Freiwilligen im KKID war mir schon bewusst, dass der in Deutschland durch seine Geschichte belastete Nationalismus nicht vergleichbar ist mit dem nationalen Verständnis der Inder und Inderinnen, die wir bisher kennengelernt haben. Die Identifikation mit einer Nation ist sicherlich von Land zu Land und Individuum zu Individuum unterschiedlich. Dabei gibt es auch eine vollkommen andere kollektive und individuelle Identifikation mit seiner Nation in verschiedenen Ländern – begründet mit ihren geschichtlichen Hintergründen. Bei Betrachtung der indischen Geschichte, genauer mit der erlangten Unabhängigkeit, ist für mich in gewisser Weise der Umgang mit Nationalstolz verständlich. Die Unabhängigkeitsbewegung war eine Bewegung die vom Volk selbst kam, etwas Positives, Fortschrittliches, für die Bürger Essentielles. Die deutsche Geschichte ist bekanntermaßen von so viel Gräueltaten und menschlichen Schrecklichkeitsgedanken geprägt, dass es wohl, auch unserer Erziehung und Bildung geschuldet, für mich und viele andere Deutsche kaum möglich ist, sich mit seiner Nation und somit auch der Hymne in der gleichen Weise zu identifizieren und einen Stolz aufzubringen wie es in anderen Ländern der Welt eher vorkommt. Dieses Phänomen ist natürlich kein neu Entdecktes und auch schon von vielen Anderen beschrieben, aber an dieser Stelle für mich relevant, um meine subjektive Wahrnehmung des Erlebten so verständlich wie möglich zu beschreiben.
Dasselbe Unwohlsein spürte ich, als Schüler und Schülerinnen verschiedener Altersgruppen von unterschiedlichen Schulen streng marschierten und die indische Flagge hochhielten. Zwar befanden wir uns auf einer Veranstaltung der Polizei und der Militarismus war sicherlich präsenter als bei anderen Feiern in Indien an diesem Tag, aber dennoch war es ein neues Bild, das sich in meinem Kopf zusammenfügte.
Marschierende Schülerinnen einer Mädchenschule

Urkunde für Satyavati und Bhumika für ihre Zusammenarbeit mit der Polizei
Nun wurde endlich der Preis an Satyavati für die Zusammenarbeit von Bhumika mit der Polizei bei dem neuen Projekt der „SHE Teams“ vergeben. Diese Teams sind meistens 2-3 Polizisten und Polizistinnen in Zivil, die an öffentlichen Orten beobachten, ob sexuelle Übergriffe stattfinden und Täter fassen, die daraufhin von Bhumika-Mitarbeiterinnen gecounselt werden.
Über den Militarismus und den Nationalismus haben Gina und ich noch lange gesprochen und mich hat die Feierlichkeit des Independence Days dazu bewegt, nicht direkt zu urteilen über das individuelle oder kollektive Verhältnis von Nation zu Mensch. Außerdem habe ich mich intensiver mit Indiens Geschichte befasst - dazu gibt es einen eigenen Blogeintrag. In meinem Kopf musste ich die bisher erlernte Schranke bei Seite schieben, um mich dem anderen nationalen Verständnis geistig zu öffnen. Wieder einmal trifft weltwärts mit seiner Definition als Lerndienst ins Schwarze.
Donata
Die Tribüne der Polizeistation auf dem Polizeiübungsplatz
Tanzeinlage einer Schule
Rashmi
Rashmi erklärt uns die Arbeit der SHE Teams
Verleihung der Urkunde an Satyavati, Bhumika

Blumenbeschmückter Jeep des Ministers
Wir sind ein beliebtes Fotomotiv der Journalisten
Ein kleiner Snack zwischendurch
Marschierende Mädchenklasse

You Might Also Like

1 Kommentare

  1. Toll, dass ihr immer so ausführlich indische Gegebenheiten ausführlich und sachkundig beschreibt!!

    AntwortenLöschen